BRIEFE AN HAKK: Salih Niyazi Dedebaba
Salih Niyazi Dedebaba
Verehrter Salih Niyazi!
Heute jährt sich dein Geburtstag zum 150. Mal.
Vor genau 150 Jahren erblicktest du das Licht der Welt; einer Blume gleich, die unsere Welt erblühen ließ!
Über deine Kindheit im albanischen Dorf Starje und deine Jugendjahre in Istanbul wissen wir wenig. Zu spärlich sind die Quellen über deine Lebensumstände jener Zeit. Und doch ist die Inspirationsquelle, aus der du deine geistige und kulturelle Nahrung gezehrt hast, gewiss: Die Landschaft, die dich prägte, war keine gewöhnliche.
Deine Kindheit verbrachtest du in Südalbanien, in der Region, in der sich der berühmte und heilige Berg Tomorr majestätisch emporhebt. Auf seinem Südgipfel errichtete Anfang des 17. Jahrhunderts Hacı (Haxhi) Baba, ein aus Nischapur stammender Mystiker und Wanderderwisch, ein symbolisches Grabmal zu Ehren von Abbas Ali, einem der Söhne unseres Şah-ı Merdan Ali. Unweit davon gründete er das Derwischkloster Qesarakë Tekkesi (Teqeja e Qesarakës). In dieser Region, mit ihren schönen Werten, wurdest du bereits als Kind geformt.
Über die späteren Jahre sind wir gut im Bilde. Nicht zuletzt dank İlir Hamzaj, der deinem Leben eine wissenschaftliche Studie widmete (*1). Er veröffentlichte seine Masterarbeit anschließend in Buchform – zwar schmal im Umfang, aber durchaus lesenswert (*2).
1896, im Alter von 20 Jahren, tratst du in die berühmte Derwischloge zu Hacı Bektaş (in der türkischen Provinz Nevşehir) ein. Zur selben Zeit war Mustafa Kemal, der später als Atatürk die Weltbühne betreten sollte, gerade einmal 15 Jahre alt und besuchte die Militärschule in Manastır (Bitola im heutigen Nordmazedonien).
In der Derwischloge wurde man schnell aufmerksam auf deine Fähigkeiten, auf dein Können. Bereits nach fünf Jahren erhieltst du den geistigen Titel des Baba. Und bald darauf vertraute man dir eine besondere Aufgabe an:
Durch meisterhafte Vermittlung schafftest du es, den lang andauernden Konflikt zwischen dem Çelebi-Zweig und dem Babagân-Zweig zu lösen, auch wenn deine Schlichtung nur von kurzem Bestand sein sollte.
Lieber Salih Niyazi,
dieser historische Konflikt ist so grundlegend, so tief in der Organisation des Bektaşi-Ordens verankert, dass er auch heute, 150 Jahre nach deiner Geburt, noch andauert. Wahrscheinlich wird man auch in Hundert Jahren diesen tiefgreifenden Machtkampf um die spirituelle Führung und Legitimität wahrnehmen.
Dein eigener Aufstieg verlief indes bemerkenswert schnell. 18 Jahre nach deinem Eintritt in die Derwischloge wurdest du 1914, im Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, zum Dedebaba gewählt – zur höchsten spirituellen Autorität des bektaschitischen Glaubens.
Nun, in deinem Werdegang gibt es viele schöne Seiten. Eine hiervon möchte ich besonders würdigen:
In den schmerzhaften Jahren des Türkischen Befreiungskrieges (1919-1923) standest du Mustafa Kemal Paşa nicht nur finanziell und moralisch zur Seite, sondern ermöglichtest 1920, also mitten im Krieg, auch die Eröffnung der ersten und einzigen Schule in Hacı Bektaş – auch wenn diese Schule nur von kurzer Dauer war.
Die Idee eines Schulprojektes ließ dich nicht los: Auch nach deiner Rückkehr nach Albanien bemühtest du dich intensiv, dort eine Schule aufzubauen. Aufgeben kam für dich nicht in Frage.
Denn der Schlüssel zu unserer Zukunft sind jene Worte, die dein Vater dir mit auf den Weg gab: „Das Wissen ist es, das uns im Leben schmückt und leitet.“ Diese Worte deines Vaters hast du dir zu Recht zu Herzen genommen.
Dann kam das Jahr 1925.
Der junge türkische Staat verbot die Derwischorden, schloss die Klöster, kappte jahrhundertealte Traditionen mit einem Federstrich. Auch das Kloster von Hacı Bektaş fiel dem Reformgesetz zum Opfer. Mit ihm endete eine Ära – und du wurdest zum letzten Dedebaba des Ordens auf anatolischem Boden.
Um den bektaschitischen Glauben fortleben zu lassen und um die Ordensaktivitäten gemäß der Tradition weiterhin ausüben zu können, musstest du die Türkei verlassen. Und so wähltest du 1930 Albanien als neuen Wirkungsort.
Kaum angekommen, begannst du, die Organisation des Bektaschitentums auf eine solide Grundlage zu stellen und Ordnung in die Klöster zu bringen…
Aus jener Zeit gibt es eine interessante Entscheidung, die mich sehr zum Nachdenken gebracht hat, lieber Salih Niyazi Can.
Am 30. Mai 1937, also vor knapp 89 Jahren, wurden auf einer gemeinsamen Sitzung zweier Glaubensräte, die in Albanien die Angelegenheiten der Bektaschiten regelten, wichtige Entscheidungen getroffen. In Artikel VII der Beschlussfassung wurdest du offiziell ermahnt; nach dem Motto „Wir sehen zwar ein, dass du Dedebaba bist, aber pass auf, was du tust, handle mit Bedacht!“ Wörtlich heißt es dort:
„Aufgrund einiger Verhaltensweisen, die gegen die Satzung verstoßen, wurde dem Dedebaba eine schriftliche Verwarnung ausgesprochen. Er wurde aufgefordert, künftig jegliches Verhalten zu unterlassen, das gegen die Satzung verstößt. Es wurde ihm mitgeteilt, dass er ab sofort bei der Besetzung freier Stellen in den Klöstern und bei anderen Entscheidungen, die er trifft, die satzungsmäßigen Vorschriften einhalten muss.“
Dieser Passus hat es in sich.
Eine Institution, die ihr eigenes Oberhaupt ermahnt.
Eine Glaubensgemeinschaft, die sich selbst kontrolliert.
Was für eine politische Reife!
Ich habe lange nachgedacht und dies mit unserer Gegenwart verglichen.
Der Dachverband AABF, dem unser Cemevi (alevitisches Gotteshaus) angehört, hat einen namhaften Vorsitzenden. Zwar wünsche ich ihm ein langes Leben, doch wird er sich eines Tages mit Gott vereinen. Im Sein Gottes werdet ihr euch bestimmt begegnen. Ich möchte, dass du dich mit ihm unterhältst, ihn kennenlernst. Auf dich hört er vielleicht?! Manchmal sagt er unpassende Dinge, die einen zur Weißglut bringen. Und dennoch ist der Geistlichenrat unseres Verbandes leider nicht in der Lage, ihm offiziell die Leviten zu lesen.
Vor 89 Jahren habt ihr genau solch ein Problem gelöst, während wir institutionell noch immer hinterherhinken.
Der Geistlichenrat unseres Dachverbandes muss das Recht haben, dem Vorstand bei gravierendem Fehlverhalten offiziell eine Protestnote überreichen zu können. Wie wäre es, dies in der Satzung des Verbandes zu verankern?! Die AABF braucht nämlich eine Art „Checks and Balances“ – nicht als Misstrauen, sondern als Schutzmechanismus und zur Verfestigung ihrer demokratischen Strukturen.
Ein Beispiel:
Die „Charakterisierung des Alevitentums“ wurde im Mai 1998 zur Leitlinie des Dachverbandes bestimmt und 2007 erneut bekräftigt (*3). Nun könnte der Geistlichenrat eventuelle Fehlvergehen auf der Leitungsebene des Dachverbandes höflich ermahnen und eine ähnliche Entscheidung wie vor 89 Jahren treffen:
„Aufgrund einiger Verhaltensweisen, die gegen die Satzung verstoßen, wurde dem Vorstandsvorsitzenden eine schriftliche Verwarnung ausgesprochen. Er wurde aufgefordert, künftig jegliches Verhalten zu unterlassen, das gegen die Satzung der AABF verstößt. Ihm wurde mitgeteilt, dass er sich an die geltende Satzung zu halten habe.“
Mein lieber Salih Niyazi,
in Albanien hast du noch vieles bewegt. Zum Beispiel hast du das Sprachproblem in den bektaschitischen Klöstern gelöst.
Und bis zu deiner Ermordung hast du dich unermüdlich gegen den italienischen Faschismus gewehrt. Dafür gebührt dir Respekt!
Und doch bleibt eine Frage: War es notwendig, Ahmet Zogu, dem autoritären König, der Albanien mit Bestechung und Unterdrückung der Freiheiten regierte, einen Gehorsams- und Dankesschreiben zu senden? Musste das sein? In unserem alevitisch-bektaschitischen Glauben ist nämlich kein Platz für einen blinden Gehorsam, kein Platz für eine bedingungslose Unterwerfung. Nun gut, angesichts des heutigen Gedenktages lasse ich dieses Thema vorerst beiseite; aber ich werde nicht locker lassen, das sollst du wissen…
Verehrter Salih Niyazi,
zu deinem 150. Geburtstag verneige ich mich vor deinem Wirken.
Du hast unseren schönen Glaubensweg bereichert. Danke dir!
(*1)
İlir Hamzaj: Hacı Bektaş-ı Velî Dergâhı’nın Son Postnişîni. Masterarbeit. Uludağ Universität, Bursa, 2015.
https://www.academia.edu/86244016/Salih_Niyazi_Dedebaba
(*2)
İlir Hamzaj: Sâlih Niyâzî Dedebaba – Hacı Bektaş Velî Dergâhı Son Postnişîni. Revak Kitabevi, İstanbul, 2019.
(*3)
„Charakterisierung des Alevitentums“. Herausgegeben vom Geistlichenrat der AABF.
https://aabf-inanc-kurulu.com/eine-seite/
und
https://aabf-inanc-kurulu.com/de/
Hüseyin Barış Öztürk
Für Kommentare: huseyinozturk@gmx.de
Dieser Artikel wurde am 05.03.2026 auf Alevi-Portal veröffentlicht.
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