Eröffnung eines bedeutenden alevitisch-bektaschitischen Archivs in Köln
Am 7. November 2025 fand in Köln die feierliche Eröffnung des neuen Archivs des Alevitisch-Bektaschitischen Kulturinstituts e.V. statt.
Zu diesem Anlass hatte der Verein zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Kunst und Kultur eingeladen, darunter auch bedeutende Persönlichkeiten, die beispielsweise bei der Gründung und dem Aufbau der Föderation (heute: Alevitische Gemeinde Deutschlands K.d.ö.R.) mitgewirkt hatten.
Der Nachmittag begann mit einem herzlichen Empfang, der den Gästen die Möglichkeit gab, sich in informellen, lockeren Gesprächen auszutauschen. Es folgten kurze Begrüßungsansprachen, in denen die Bedeutung des Archivs und seine Rolle in der alevitisch-bektaschitischen Community erläutert wurden.
Die Eröffnungsrede hielt Frau Güllizar Cengiz, Mitgründerin und Vorsitzende des Kulturinstituts. Sie hieß die Gäste herzlich willkommen und hob den hohen Stellenwert der Wissenschaft im alevitisch-bektaschitischen Glauben hervor.

Güllizar Cengiz
Mitgründerin und Vorsitzende
des Alevitisch-Bektaschitischen Kulturinstituts
Das Alevitentum-Bektaschitentum sei ein Glaubenssystem, das den Menschen und die Wissenschaft in den Mittelpunkt stelle, so Frau Cengiz. Dies werde am besten durch die Worte von Hünkâr Hacı Bektaş Veli aus dem 13. Jahrhundert deutlich: „Ein Weg ohne Wissenschaft endet in der Finsternis“ (“İlimden gidilmeyen yolun sonu karanlıktır”).
In jener Zeit habe es keine Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau gegeben. Alle Menschen seien gleichberechtigt als „Can“ angesehen worden. Diese Tradition lebe bis heute fort.
„Mit dieser Philosophie hat sich das Alevitentum-Bektaschitentum in Anatolien etabliert. Aber nicht nur dort ist es verwurzelt. Vor allem in den Balkanländern, aber auch sonst in der Welt, hat der Glaube Fuß gefasst; in der heutigen Zeit glücklicherweise auch in Deutschland.
Das Alevitentum-Bektaschitentum ist eine eigenständige Interpretation des Islams. Es hat sich innerhalb eines bestimmten Weltbildes entwickelt und dieses vollständig erfasst.“
Zu den Zielen des Kulturinstituts gehöre es, diesen humanistischen Glauben all denen, die es wünschten oder sich sonst danach sehnten, zu vermitteln. Nämlich wissenschaftlich aufbereitet, insbesondere anhand von Primärquellen.
Daher habe man vor 27 Jahren dieses Institut gegründet, um jene humanistische Denkweise im Lichte der Wissenschaft an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Aus diesem Grund sei das Archiv von größter Bedeutung. Dieses stelle nämlich einen wichtigen Schritt in der Bewahrung und Weitergabe des alevitisch-bektaschitischen Erbes dar.
In diesem Zusammenhang schmückte sie ihre Rede mit Anekdoten über manche Sammlungsgeber, so z.B. Mehmet Yaman Dede, Haydar Ercan Dedebaba, Mehmet Temren Halife Baba und Miyase İlknur.
Schließlich bedankte sich Frau Cengiz bei allen Mitwirkenden für deren langjähriges Engagement zur Entstehung des institutseigenen Archivs.
Im Anschluss ergriff Prof. Dr. Markus Dreßler das Wort und ging sogleich auf die Archivarbeit ein. Man arbeite seit einigen Jahren gemeinsam daran, das Archiv etwas professioneller zu gestalten.
“Das ist eine sehr schöne gemeinsame Arbeit.
Ich bin sehr froh, ein Teil davon zu sein.”

Prof. Dr. Markus Dreßler
Heisenberg-Professor für Moderne Türkeiforschung
am Religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig
Dies sei gewiss kein einfacher Weg, aber man gebe sich Mühe, so Herr Prof. Dr. Dreßler. Zuletzt habe man einen Katalog erstellt, um die Recherche im Archiv für die akademische Welt, aber auch für die alevitisch-bektaschitische Öffentlichkeit sowie für weitere Interessengruppen, zu ermöglichen.
Prof. Dr. Ali Yaman, der im Anschluss das Mikrofon ergriff, berichtete kurz über seine Teilnahme an einer Tagung an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg im Jahre 2006. Thema sei auch die Archivierung von alten Manuskripten gewesen. Die Universität hätte sich letztlich gegen die Empfangnahme jener Manuskripte entschieden, da sie dies als kostspielig angesehen hätte. Aber Frau Güllizar Cengiz habe sich mit ihrer ganzen Kraft engagiert, mit ihrer Familie und allem, was sie habe, um diese wertvollen Bestände zu sichern. Das verdiene großen Respekt. Er sei daher sehr glücklich, Teil eines solchen Projekts zu sein.
Zudem betonte Herr Pof. Dr. Yaman ausdrücklich, dass solch ein alevitisch-bektaschitisches Archiv sowohl in Europa als auch in der Türkei ein Novum sei.

Prof. Dr. Ali Yaman
Ordentlicher Professor für Soziologie
am Institut für Soziologie der Fakultätfür Geisteswissenschaften
der Kırgızistan-Türkiye Manas Universität.
Er besuche in jedem Sommer alevitisch-bektaschitische Dörfer und komme mit vielen Menschen ins Gespräch. Hierbei nutze er die Möglichkeit, Kopien von alten Sammlungen anzufertigen, damit diese nicht verloren gingen. Denn es gebe reichlich traurige Geschichten, so beispielsweise in Pülümür, Elazığ oder Malatya:
„Es geht darum, wie die Archive mit der Zeit verschwunden sind. Ich bin nach Pülümür gefahren, in das Dorf Hacılı. Auch dieses Dorf ist ein Zentrum eines Ocaks. Nach dem 12. September 1980, in der Zeit des Militärputschs, haben die Dorfbewohner ihre alten Manuskripte in Plastikfolien eingewickelt und vergraben, weil sie Angst vor den Soldaten hatten, die kommen würden. Das Zentrum von Pir Sultan Ocağı, ein wichtiges Dorf, ein Dorf mit vielen Manuskripten. Und [eines Tages] wurde es überflutet und alles wurde zerstört. Können Sie sich das vorstellen?! Das ist sehr schmerzhaft.
Eine weitere Anekdote: Ich habe mich mit einem Ocakzade, der einem Dede-Geschlecht entstammt, getroffen. Seine Mutter hätte alte Manuskripte eins nach dem anderen zerrissen, um den Ofen anzuzünden. Können Sie sich das vorstellen? Darf so etwas überhaupt sein?! Nachdem wir nun diese schmerzvollen Geschichten gehört haben, sollten wir die in diesem Institut geleistete Arbeit als einen großen Dienst, als einen heiligen Dienst, als einen Dienst, den wir alle schätzen sollten, fortführen und gemeinsam unser Archiv weiter bereichern. Wir werden es auch bereichern. Mit der Hilfe von Hakk-Muhammed-Ali und den heiligen Gefährten unseres Weges.“
Die Ansprachen und Begrüßungsreden rundete Kutsi Halifebaba Eren (Yücel Top), Halifebaba des Kadıncık Ana Dergâhı, mit einem Gebet ab.

Kutsi Halifebaba Eren (Yücel Top)
Leitende spirituelle Autorität (Halifebaba)
des Kadıncık Ana Dergâhı
Kutsi Halifebaba Eren:
„Alle dachten: ‚Ach, das dauert höchstens drei Tage, danach wird sie schon aufgeben.‘ Aber Güllizar Bacı hörte nicht auf. Sie steckte 27 Jahre harte Arbeit in dieses Institut. Schließlich krönte sie all ihre Mühen mit diesem Archiv. Das ist eine sehr große und enorme Leistung.
Daher möge ihr Einsatz von Gott gesegnet sein und möge ihr Weg rein bleiben.
Mögen Hakk-Muhammes-Ali denjenigen, die hier dienen, ihre Wünsche erfüllen und ihre Herzen mit Freude füllen.
Ich danke all jenen, die mitgeholfen haben, von ganzem Herzen.
Wenn dieses Archiv dazu dient, die Wahrheit ans Licht zu bringen, dann sagen wir auch stets Gerçeğe Hü.
Gerçeğe Hü!“
Nach den Ansprachen führte Prof. Dr. Mehmet Ersal die Gäste durch die Räumlichkeiten des Archivs.

Prof. Dr. Mehmet Ersal
Leiter des Fachbereichs Türkische Volksliteratur
an der İzmir Kâtip Çelebi Üniversität
Schon im Treppenhaus wurde die Besuchergruppe von historischen Fotografien und Zeichnungen empfangen, die das Engagement und die Geschichte der alevitisch-bektaschitischen Gemeinschaft eindrucksvoll widerspiegeln.
Die Begeisterung und das Engagement des Kulturinstituts, mit dem das Archiv aufgebaut wurde, war in allen Ansprachen und Gesprächen spürbar. Die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Kultur sowie die Leidenschaft für die alevitisch-bektaschitische Geschichte machten den Nachmittag zu einem ganz besonderen Erlebnis.
Mit der Eröffnung des Archivs schafft das Alevitisch-Bektaschitische Kulturinstitut einen bedeutenden Raum für die Forschung und den Austausch zu alevitisch-bektaschitischen Themen – nicht nur in Deutschland, sondern auch international.
Das Archiv wird als wichtige Quelle für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie für die breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht und trägt dazu bei, das religiöse und kulturelle Erbe der Alevitinnen und Aleviten sowie der Bektaschitinnen und Bektaschiten für künftige Generationen zu bewahren.
Es ist ein Archiv über den alevitisch-bektaschitischen Glauben, das in Deutschland seinesgleichen sucht.
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Autor dieses Artikels: Hüseyin Barış Öztürk
Artikel veröffentlicht auf Alevi-Portal am 21.11.2025
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