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Mundus Archivi – Die Welt des Archivs

Hüseyin Barış ÖZTÜRK

  • 08 Haziran 2026
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Folge 02  –  Sechzig Jahre Ortaca:  Die Herausforderungen der historischen Aufarbeitung

 

Wichtiger Hinweis:  Dieser Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht nicht zwingend der Auffassung der Redaktion von Alevi-Portal.

 

Unsere Reise führt uns 60 Jahre zurück – nach Ortaca.

Heute ein Landkreis in der Provinz Muğla im Südwesten Anatoliens, unweit des Mittelmeers, war Ortaca Anfang Juni 1966 noch ein kleiner Bezirk, fernab des späteren Tourismusbooms.

Was zwischen den Bewohnern zweier Dörfer zunächst als gewöhnlicher Streit um Land begann, hätte leicht als unbedeutender lokaler Konflikt in Vergessenheit geraten können. Doch dieser wirtschaftliche Konflikt führte innerhalb weniger Tage zu religiösen und ethnischen Spannungen zwischen der alevitischen Minderheit und der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung.

Am 5. Juni 1966 eskalierte die Situation: Bis zum 16. Juni kam es zu organisierten Übergriffen (u.a. sexuelle Gewalt an alevitischen Frauen, Misshandlung von Dorfbewohnern, die Zerstörung der Ernten und Plünderungen von Häusern).

Heute erinnern wir an den 60. Jahrestag dieser Gewalttaten, die als „Ortaca-Ereignisse“ in die Geschichte eingegangen sind.

Ortaca gilt als der erste massenhafte zivile Angriff auf Aleviten nach dem Übergang der Republik Türkei zur Mehrparteiendemokratie im Jahr 1945. Gleichzeitig werden die Ereignisse als frühes Muster jener Entwicklungen betrachtet, die später in den Massakern von Maraş (1978), Çorum (1980) und Sivas (1993) ihren tragischen Höhepunkt fanden.

Obwohl zu den Ortaca-Ereignissen bislang nur eine Handvoll wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht wurden, wurde hierzu innerhalb der alevitischen Öffentlichkeit viel geschrieben und diskutiert. Daher möchte ich die bekannten Abläufe hier nicht erneut schildern. Wer sich näher mit dem Thema befassen möchte, kann auf die unten aufgeführten, türkischsprachigen Quellen zurückgreifen.

Stattdessen soll der Fokus auf einem anderen Aspekt liegen: der Archivierung und den Schwierigkeiten bei der historischen Aufarbeitung.

 

Pressearchive

Ein erheblicher Teil der in den letzten 10 Jahren veröffentlichten Arbeiten weist auf gravierende Archivlücken hin, die die Erforschung der Ereignisse erschweren.

So kommt beispielsweise Hüseyin İzmir in seiner vor genau 10 Jahren erschienenen Masterarbeit zu folgender Einschätzung:

„In der Literatur gibt es keine ausreichenden Quellen zu den Ereignissen von Ortaca. Zwar ist es teilweise möglich, auf die 1966 erschienenen Artikel in überregionalen Zeitungen zuzugreifen, doch sind die Artikel der 1966 gedruckten Lokalzeitungen nicht archiviert und daher nicht zugänglich.“

(Hüseyin İzmir, Ethnische Konflikte und soziales Gedächtnis in der Türkei: Die Ereignisse von Ortaca 1966, S. 13)

Leider hat diese Einschätzung bis heute kaum an Aktualität verloren. Noch immer bestehen erhebliche Defizite und Schwierigkeiten bei der Archivierung von Dokumenten, die von alevitischen Institutionen veröffentlicht werden – etwa Pressemitteilungen unserer alevitischen Gemeindehäuser (Cemevleri).

 

Mündliche Archive

Eine weitere zentrale Lücke bei der Erforschung der Ortaca-Ereignisse betrifft die mündlichen Überlieferungen.

Es wurden keine systematischen Anstrengungen unternommen, die Erinnerungen der Menschen, die jene Tage selbst erlebt haben, rechtzeitig festzuhalten. Der Mangel an Oral-History-Projekten erschwert es heutigen Forschern erheblich, die Ereignisse von Ortaca auf der Grundlage von Daten objektiv und unvoreingenommen zu rekonstruieren.

Auf den Mangel an „Zeugenbefragungen“ weist auch  Zeynep Kösedağ in ihrer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie hin:

„Dass seit dem Ereignis bereits 57 Jahre vergangen waren, war eine der Schwierigkeiten meiner Forschung. Die meisten Primärzeugen waren bereits verstorben.“

(Zeynep Kösedağ: Die Ereignisse von Ortaca 1966 verstehen, S. 2)

 

Staatsarchive

Auch staatliche Archive bieten bislang nur eingeschränkte Einblicke.

Zwar konnten Forscher wie Doğan Duman in ihren Arbeiten einzelne Dokumente aus dem Türkischen Präsidialamt für Staatsarchive (CDAB) auswerten. Viele Unterlagen, die Aufschluss über die Hintergründe der Ereignisse von Ortaca geben könnten, bleiben jedoch weiterhin unter Berufung auf „öffentliche Sicherheit“ oder „Vertraulichkeit“ gesperrt.

Hierzu gehören u.a.:

  • Gerichts- und Verhandlungsprotokolle der Strafverfahren gegen Personen, die im Zusammenhang mit den Ereignissen festgenommen wurden;
  • Als „streng geheim“ gekennzeichnete Berichte der damaligen Verwaltung von Muğla, der Gendarmerie und weiterer Sicherheitsbehörden an die Zentralregierung in Ankara;
  • Berichte von staatlichen Inspektoren, die nach Ortaca entsandt wurden, um die Vorfälle zu untersuchen.

 

Die Folgen fehlender Archivierung

Solange diese Dokumente nicht ans Licht gebracht werden und die parlamentarischen Anfragen unbeantwortet bleiben, werden zentrale Fragen zur Geschichte der Aleviten weiterhin offen bleiben.

Das Problem betrifft jedoch nicht nur Gewalterfahrungen und traumatische Ereignisse. Auch Entwicklungen, die für unser gesellschaftliches Gedächtnis von großer Bedeutung sind, wie etwa die Entstehungsgeschichte unserer Gemeindehäuser (Cemevleri), sind vielfach unzureichend dokumentiert.

Wenn keine audiovisuellen Interviews mit Gründungsmitgliedern geführt werden, wenn bedeutende Versammlungen, religiöse Zeremonien oder sonstige Veranstaltungen nicht systematisch aufgezeichnet werden, und wenn die Gedankenwelt der die alevitische Gemeinschaft prägenden Persönlichkeiten nicht dokumentiert werden, entstehen Lücken, die später kaum noch zu schließen sind.

So wie wir heute bei der Erforschung von Ortaca an fehlenden Quellen scheitern, riskieren wir, künftigen Generationen ähnliche Hindernisse bei der Erforschung ihrer eigenen Geschichte zu hinterlassen.

Deshalb stellt sich eine grundlegende Frage:

Wollen wir der Zukunft eine umfassende und gut dokumentierte Geschichte der Aleviten hinterlassen – oder nicht?

 

Aktuelle Archivinitiativen

Als jemand, der sich seit seiner Jugend für Archivfragen interessiert, blicke ich seit zwei Jahren wieder hoffnungsvoller in die Zukunft.

Besonders hervorzuheben ist das Archiv, das das Alevi-Bektaşi-Kulturinstitut am 7. November 2025 eröffnet hat und das bereits heute einen unschätzbaren Bestand an Quellen beherbergt. Unter den seit fast 30 Jahren in Europa bestehenden alevitischen Institutionen nimmt es eine Vorreiterrolle ein.

Ebenso bedeutsam ist das im Januar 2026 an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig gestartete Langzeitprojekt (mit dem Titel „Alevitisches Archiv: Ethnohistorie alevitischer Gemeinschaften in Anatolien, 16.–20. Jh.“) unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Dreßler. Mit einer Laufzeit von 24 Jahren handelt es sich um das erste umfassende und langfristig angelegte Forschungsprojekt zur Geschichte der Aleviten überhaupt.

Darüber hinaus hat die Plattform „Muhibban-ı Ali“, ein Zusammenschluss verschiedener alevitischer Organisationen in Europa, ein eigenes „Living History“-Projekt ins Leben gerufen.

Auf diese drei Archivinitiativen, die ich für wichtig halte, werde ich in meinen kommenden Beiträgen noch ausführlicher eingehen.

 

Fazit

Ich glaube, dass wir als alevitische Gemeinschaft 60 Jahre nach den Ereignissen von Ortaca wichtige Lehren gezogen haben.

Erfreulicherweise verfügen einige unserer Gemeindehäuser mittlerweile über eigene Archivbeauftragte, die sich ausschließlich um die Dokumentation und Archivierung kümmern.

Wenn die Archivierungsarbeit in allen alevitischen Institutionen nach archivwissenschaftlichen Standards durchgeführt wird, schaffen wir eine solide Grundlage für die Weitergabe unserer Geschichte und unseres Weges an kommende Generationen.

Diesen Artikel widme ich in ehrender Erinnerung den Menschen, die während der Ereignisse von Ortaca ihr Leben verloren haben, vergewaltigt oder verletzt wurden, gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, politische Benachteiligung erfuhren oder andere Formen von Unrecht erlitten haben…

 

Leseempfehlungen zur Vertiefung

(geordnet nach Erscheinungsdatum)

Die folgenden Empfehlungen sind ausschließlich auf Türkisch verfügbar. Für diese Ausgabe wurden die Titel ins Deutsche übertragen. Die jeweiligen Originaltitel sind in der türkischen Fassung dieses Artikels, ebenfalls am Ende des Beitrags, aufgeführt.

1.)

Hüseyin İzmir: „Ethnische Konflikte und gesellschaftliches Gedächtnis in der Türkei: Die Ereignisse von Ortaca 1966“. Masterarbeit, Ankara, Juni 2016.

Link 1:  https://tez.yok.gov.tr/UlusalTezMerkezi/tezDetay.jsp?id=5jyXn_7Wvdi-2pcWAAxkyQ

Link 2:  https://yolpedia.eu/wp-content/uploads/2024/07/445857.pdf

2.)

Nami Temeltaş: „Der 50. Jahrestag des Massakers an den Aleviten in Ortaca“.

Bianet.org, veröffentlicht am 13.06.2016.

Link:  https://bianet.org/yazi/ortaca-alevi-katliami-nin-50-yildonumu-175754

3.)

Ali Duran Topuz: „Ein Ausschnitt aus der Genealogie von Madımak“.

Zeitung Gazete Duvar, veröffentlicht am 02.07.2017.

Link:  https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2017/07/02/madimakin-soykutugunden-bir-kesit

4.)

„Das wahre Gesicht des als Massaker von Ortaca bekannten Vorfalls“. Drei Dossiers.

Pirha.org, veröffentlicht im Juni 2019.

Link 1:  https://pirha.org/ortaca-katliami-olarak-bilinen-olayin-gercek-yuzu-dosya-1-video-175143.html/04/06/2019/

Link 2:  https://pirha.org/alevi-yurttaslar-evimize-sigindi-ve-silah-sesleri-geliyordu-video-175147.html/05/06/2019/

Link 3:  https://pirha.org/ortaca-olaylari-devrimcilerin-mudahalesiyle-sona-erdi-3-video-175179.html/06/06/2019/

5.)

Doğan Duman: „Die Behauptung eines ersten konfessionell motivierten Konflikts in der Republik Türkei: Von den Ereignissen zur Wahrnehmung – die Ortaca-Ereignisse von 1966“.

Zeitschrift: The Journal of Academic Social Science Studies (JASSS)

Ausgabe 77, S. 231–257, Winter 2019.

Link:  https://jasstudies.com/?mod=tammetin&makaleadi=&makaleurl=905804f9-9ea0-4e17-b304-bf9437a60cb9.pdf&key=39907

6.)

Zeynep Kösedağ: „Die Ereignisse von Ortaca 1966 verstehen“

Hakikat Adalet Hafıza Merkezi (Zentrum für Wahrheit, Gerechtigkeit und Erinnerung), Januar 2024.

Link:  https://hafizavegenclik.org/storage/projects/February2025/87n0FYCEomXcHXIjPOGI.pdf

7.)

Selçuk Kahraman: „Die Politisierung der Aleviten im Übergang zum Mehrparteiensystem: Die Nurcu-Bewegung, die Diyanet und Ortaca (1946–1966)“.

Zeitschrift: Zeitschrift für Sozialwissenschaften der Anadolu-Universität (AÜSBD)

Band 26, Ausgabe 1, S. 269–288, Jahr 2026, 08.03.2026.

Link:  https://dergipark.org.tr/tr/pub/ausbd/article/1798216

 

Hüseyin Barış Öztürk

Für Kommentare:  huseyinozturk@gmx.de

Artikel veröffentlicht auf Alevi-Portal am 09.06.2026 

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Zur türkischen Fassung der Kolumne

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